In einem früheren Beitrag ging es um das Sachfeld ‚Lebewesen‘ auf Latein. Heute machen wir mit der Wortschatzarbeit in einem verwandten Bereich weiter, und zwar mit Bezeichnungen für Männlein und Weiblein.

Männchen und Weibchen

Substantive

mās, măris m. ‚Männchen‘ ↔︎ femina, ae f. ‚Weibchen‘ (bei Tieren und Menschen)

aliae [bestiae] mares, aliae feminae sunt

Cic., Nat. 2, 128.

Während femina und mas in Bezug auf Tiere und Menschen verwendet werden können, gehen mulier und vir nur bei Menschen. Das, was für Menschen gilt, gilt an dieser Stelle übringens auch für anthropomorphe Gottheiten.

vir, i m. ↔︎ mulier, ĕris f. (bei Menschen)

homo, inis m. ‚Mensch‘ (homines = ‚omnes viri et feminae‘)

Geht es um das Alter eines weiblichen Menschen, dann bezieht man sich mit femina und mulier auf die ‚erwachsene Frau‘ – also zwischen puella und ănus.

Adjektive

‚männlich‘ ↔︎ ‚weiblich‘

mas, masculus, masculinus

Mas kann auch als einendiges Adjektiv der i-Deklination verwendet werden und bedeutet im eigentlichen Sinne ‚männlich‘ oder ‚mannhaft‘. Bezogen auf Männer heißt es im übertragenen Sinne auch ‚tapfer‘, ‚mutig‘ und ist somit Synonym von fortis, virilis oder gar impavidus.

Als Derivat von mas finden wir auch das Deminutivum masculus in der Bedeutung ‚männlich‘ (genus masculum, nomen masculum) sowie ‚kräftig‘, ‚mutig‘ (animus masculus).

FUN FACT
Als Termini technici bezeichneten masculus und femina als Appositionen die Teile, die so gemeißelt waren, dass sie ineinander gesteckt werden konnten, also ‚Stecker‘ bzw. ‚Buchse‘. Obwohl diese Geschlechtsmetapher im Deutschen nicht üblich ist, finden wir sie noch in anderen modernen Sprachen. So sagt man etwa im Englischen male und female plug, im Italienischen il maschio und la femmina. Im Lateinischen gibt es tornus masculus und tornus femina für den ‚Falz‘ resp. die ‚Falzpfanne‘, die auf den Dachbalken ineinander gesteckt werden, und cardo masculus und cardo femina für die ineinandersteckenden Teile der Türangel.

Derivationsprodukt von masculus ist wiederum masculinus, der vor allem als grammatischer Terminus vorkommt (siehe unten).

virilis

Virilis heißt ‚männlich‘ im Sinne von ‚den Mann betreffend‘, ‚zum Mann gehörig‘ oder ‚dem Mann zukommend‘. Das Adjektiv kann bezogen auf das Geschlecht muliebris entgegengesetzt sein (z. B.: nomina virilia ↔︎ nomina muliebria), bezogen auf das Alter puerilis gegenüber stehen (z. B.: togam virilem sumere). Im übertragenen Sinne bezeichnet virilis die Eigenschaften, die sich für einen Mann schicken, also ‚mannhaft‘, ‚kräftig‘, ‚mutig‘, ’standhaft‘.

Entsprechend sind virilia, ium als Neutrum Plural substantiviert ‚mannhafte Taten‘.

Pars virilis: (1) In der Jurisprudenz bezeichnet der Terminus technicus portio virilis oder pars virilis der Anteil bei der Erbschaft, der jedem Erben jeweils zukommt. (2) Pars virilis ist im Sinne von pars civilis auch das, was ein jeder Mann im Staat oder bei einer Verrichtung leisten kann oder sollte. (3) Welche pars vom Mann schließen ebenfalls damit gemeint sein kann, kann sich wohl jeder denken.

femineus

Das Adjektiv femineus kann subjektivisch oder objektivisch ‚weiblich‘ bedeuten:

  1. subjektivisch: ‚weiblich‘, ‚einer Frau‘, ‚von einer Frau vollzogen‘
    Bsp.: vox feminea ‚Frauenstimme‘; feminea manus; vulnus non femineum (Ov., met. 13, 693) ‚eine von einer Frau nicht zu erwartende Wunde‘; feminea sors ‚Lebensbedingungen einer Frau‘; femineus labor ‚Näh-, Wollarbeit‘; kalendae femineae ‚1. März‘, Fest der Matronalien
  2. objetivisch: ‚weiblich‘, ‚zu Frauen‘, ’nach Frauen‘, ‚an einer Frau vollzogen‘
    Bsp.: cupido feminea, poena feminea

Wie das männliche Pendant kann femineus im übertragenen Sinne auf von einer Frau erwartete Geisteseigenschaften Bezug nehmen. In dieser Bedeutung ist femineus negativ konnotiert, wenn es auf Männer bezogen wird, also im Sinne von ‚weibisch‘, auch ’sanft‘, ‚feige‘ oder ’schwach‘. In diesem Sinne ist es beispielsweise Synonym von languidus, imbellis, mollis.


Exkurs: Wenn Sprache unsere Weltanschauung verändert

Obwohl die wohl wichtigste Funktion von menschlicher Sprache ihr referenzieller Charakter ist, sprich obwohl Menschen die Fähigkeit haben, durch (in aller Regel) arbiträre sprachliche Zeichen auf die außersprachliche Realität zu verweisen, gehen Sprachverständnis und Weltverständnis Hand in Hand und beeinflussen sich gegenseitig, denn die paradigmatischen Differenzierungen, die wir kognitiv wahrnehmen, sind sprachlich verankert und realisiert.

[C]ognitio […] verborum prior, rerum potior.

Erasmus 1511: 113.

Da wir sprechen, um derart Bezug auf die Realität zu nehmen, dass wir mit anderen Menschen über die Gestaltung unserer Umwelt im weitesten Sinne kommunizieren können, beeinflusst einerseits die außersprachliche Realität unseren Ausdruck. Da aber sprachliche Verarbeitung gleichzeitig ein Mittel kognitiver Verarbeitung ist, können andererseits sprachinterne Faktoren unsere Realitätswahrnehmung beeinflussen. Wir können uns den Einfluss von Sprache auf unsere Weltwahrnehmung etwa anhand von Farben veranschaulichen, denn Farbenbezeichnungen sind vage. Welche Fläche aus einem solchen Farbenkreis

ein und dieselbe Farbe ist und wo eine neue anfängt, ist völlig arbiträr und von Sprache zu Sprache unterschiedlich. Und die Grenze, die von unserer Sprache vorgegeben ist, beeinflusst dermaßen die Wahrnehmung der Farben in der Realität, dass wir etwa bei dieser Farbe

lange diskutieren könnten, ob sie eher ein Grün- oder ein Grauton ist. Wenn Farben irgendwo zwischen zwei Bezeichnungen liegen, sagen wir gerne, sie könnten nicht definiert werden. Man müsste ergänzen: mit unserem Sprachsystem. Auffällig ist aber: Fehlt uns die passende Farbenbezeichnung, haben wir auch Schwierigkeiten, ein visuell wahrgenommenes Phänomen kognitiv zu verarbeiten.

Die Vagheit und Arbitrarität erkennen wir etwa im Sprachvergleich. So ist caeruleus ein Grün-/Blauton, den man gerne zur Beschreibung von Meeresfarbe verwendet, und findet keine Eins-zu-eins-Entsprechung im deutschen Sprachsystem.

Ähnlich können grammatische Faktoren unsere Wahrnehmung beeinflussen, wie im folgenden Beispiel, in dem das Genus eine Rolle bei der Wortauswahl spielt: solis ardore siccatur liquor, et hoc esse masculum sidus accepimus, torrens cuncta sorbensque. […] e contrario ferunt lunae femineum ac molle sidus (Plin., nat. 2,222-223). Da ist es ersichtlich, dass masculus und femineus zwar in ihrer üblichen übertragenen Bedeutung ’stark‘ bzw. ’schwach‘ verwendet sind, dass das grammatische Geschlecht von sol und luna aber die Adjektivwahl eindeutig beeinflusst hat. Das bestätigt die Tatsache, dass eine wörtliche Übersetzung ins Deutsche, wo die Genera der zwei Gestirne anders herum verteilt sind, sich komisch anhören würde, obwohl die deutschen Adjektive männlich und weiblich ähnlich wie im Lateinischen mehrdeutig sind.


muliebris

Die Semantik des zweiendigen Adjektivs muliebris ist teilweise deckungsgleich mit der von femineus, denn es bedeutet ebenfalls ‚weiblich‘, ‚zur Frau gehörig‘: vestis muliebris, calcei muliebres. Auch dieses Adjektiv kann im übertragenen Sinne ‚weich‘, ‚effeminiert‘ bedeuten.

Das bellum muliebre ist der ‚wegen einer Frau geführte Krieg‘ und weist oft auf den trojanischen Krieg hin.

Parallel zu virilia existiert auch das Substantiv muliebria, ium als Neutrum Plural, das ‚Weibliches‘ bezeichnet, z. B. ‚Frauenschmuck‘ oder ‚weibliche Körperteile‘. Die Wendung muliebria pati wird als Gräzismus aus γυναικοπαθεῖν verwendet, um ‚vergewaltigen‘ zu bezeichnen (Sall., Cat. 13 und Tac., Ann. 11,36). (Vgl. Forcellini, s. v. muliebris und Allen 1832: 22.)

mulierosus

Das Suffix -ōsus ist ein im Italienischen (-oso) noch hochproduktives Suffix. (Die Neubildung petaloso durch eine italienische Grundschülerin hat z. B. für so großes Ansehen gesorgt, dass sich sogar ein Mitglied der Accademia della Crusca dazu geäußert hat.) Das Wortbildungssuffix -ōsus bedeutet ‚voll von‘, ‚versehen mit‘; daher heißt das Adjektiv mulierosus ‚weibertoll‘, gr. φιλογύναιος.

virosus

Parallel zu mulierosus existiert auch virosus ‚mannstoll‘, nicht zu verwechseln mit vīrosus mit langem i (< virus), das ’stinkig‘ heißt.

masculinus ↔︎ femininus

Die Adjektive masculinus und femininus werden vor allem zur Angabe des hei Genus als Fachtermini der Grammatik verwendet, wie wir sie auch in modernen Sprachen als Entlehnungen finden. In dieser Bedeutung können im Lateinischen auch virilis und femineus verwendet werden.

Adverbien

Nicht von jedem oben genannten Adjektiv existieren auch Adverbien. Die in diesem Zusammenhang häufigeren Adverbien sind viriliter (= fortiter) und muliebriter (‚wie eine Frau‘, auch ‚effeminiert‘).

Beispiele: fortuna viriliter ferenda est, muliebriter flere; nec muliebriter expavit ensem [Cleopatra]

Schließlich gibt es die Adverbien masculine und feminine, die als grammatische Fachtermini (z. B. masculine dicere ‚als Maskulinum verwenden‘) gebraucht werden.

Gender fluidity

Es leuchtet aus vielen der oberen Beispiele ein, dass Gender im Gegensatz zum biologischen Geschlecht so stark von Sozialisierung und Erwartungen bezüglich geschlechtsspezifischer Rollen geprägt ist, dass man eher von einem Kontinuum zwischen zwei Polen ausgehen muss.

Biologisch zwischen den zwei Sexus finden wir die bereits in der antiken Kunst abgebildeten Hermaphroditen. Wie oft bei Auffälligkeiten der Natur bietet der Mythos eine ätiologische Sage. Hermaphrodit war dieser zufolge ein junger Schönling, in den sich die Nymphe Salmakis verliebte. Da sie ihn trotz hartnäckiger Avancen nicht haben kann, bittet sie die Götter, dass ihre Körper vereint werden. So verwandelt sich Hermaphrodit in einen Jungen,

cuius erat facies, in qua materque paterque
cognosci possent; nomen quoque traxit ab illis.

Ov., met. 4, 290f.

Hermaphrodit war nämlich der Sohn von Hermes und Aphrodite. Seit seiner Verwandlung soll jeder, der in der Quelle der Salmakis badet, androgyn werden (s. met. 4, 285f. und 385ff.). Auch auf Latein existiert das Lehnwort androgynus mit der gleichen Bedeutung wie hermaphroditus:

Sinuessae natum ambiguo inter marem ac feminam sexu infantem; quos androgynos vulgus, ut pleraque, faciliore ad duplicanda verba Graeco sermone, appellat.

Liv., 27, 11

Die Verwandlung des noch unerfahrenen fünfzehnjährigen Hermaphrodit betrifft zunächst einmal nur den Körper. Die Vokabeln, die die geschlechtliche Ambivalenz bei der Verwandlung bezeichnen, müssen nicht zwingend auf das Gemüt übertragen werden, denn selbst mollescere kann ganz konkret im Sinne von ‚weich werden‘ verstanden werden, da der weibliche Körper naturgemäß aus einem höheren Fettanteil besteht:

Ergo ubi se liquidas, quo vir descenderat, undas
semimarem fecisse videt mollitaque in illis
membra, manus tendens, sed iam non voce virili
Hermaphroditus ait: „nato date munera vestro,
et pater et genetrix, amborum nomen habenti:
quisquis in hos fontes vir venerit, exeat inde
semivir et tactis subito mollescat in undis!“
motus uterque parens nati rata verba biformis
fecit et incesto fontem medicamine tinxit.‘

Ov., met. 4, 380ff.

Natürlich spielt das von Männern bzw. von Frauen erwartetes Gemüt hier auch eine zentrale Rolle und es braucht nicht zu wundern, dass sich im Umgang mit Salmakis auch eindeutig im übertragenen Sinne zu verstehende Belege finden lassen, wie Salmacides ‚Feigling‘ bei Ennius: Salmacida spolia sine sudore et sanguine (von Cicero indirekt überliefert). Eine Verweichlichung geht hier mit einem Verlust der Kampfbereitschaft einher.

Ebenfalls effeminiert, nicht kampfbereit und daher kritisch angesehen sind die Männer um Paris (et nunc ille Paris cum semiviro comitatu Verg., Aen. 4,215); wir könnten dazu Weicheier sagen.

Und wie sieht es mit männlicheren Frauen aus?

Ob Horaz‘ mascula Sappho (ep. 1,19,28) etwa in Anlehnung an Tacitus (silv. 5,155), wo geschildert wird, dass die Dichterin sich tapfer in das Meer stürzt, als ‚tapfere Sappho‘ oder aber als ‚lesbische Sappho‘, also als Frau, die von Männern erwartete sexuelle Vorlieben aufweist, interpretiert werden soll, ist für viele unklar. Mir scheint Zweiteres deutlich wahrscheinlicher, denn es gibt in dieser Bedeutung auch die Verbindung mascula libido. (Vgl. Forcellini s. v. masculus und Mandruzzato 1989: 201.)

Außerdem bezeichnet virago eine besonders starke, gar kampfbereite Frau. Damit bezieht man sich auch oft auf kämpfende Göttinnen, wie Diana oder Minerva.

Das waren ein paar Wörter, mit denen auf Latein nicht besonders virile Männer oder nicht weibliche Frauen bezeichnet werden. An den Beispielen wurde ersichtlich, dass Adjektive, die ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ bedeuten, oft in Bezug auf Personen des jeweils anderen Geschlechts verwendet werden, um die Weiblichkeit von Frauen oder wohl noch häufiger die Männlichkeit von Männern in Frage zu stellen. Es kann sich dabei um einen Verstoß gegen die sozialen Erwartungen bezüglich ihres Gemüts oder ihres Verhaltens, auch ihres sexuellen Verhaltens handeln. Weil soziale Erwartungen nicht erfüllt sind, sind solche Verwendungen meistens negativ konnotiert. Dabei drücken sie jedoch keine Kritik an das in der Wortbildung genannte Geschlecht aus, sondern stellen die Virilität bzw. die Weiblichkeit des Referenten in Frage. Allgemein wird – der antiken Weltanschauung (und darüber hinaus) entsprechend – mit männerbezogenen Ausdrücken Tapferkeit, Mut, Kampfbereitschaft u. ä., mit Frauenausdrücken Sanftheit, Weichheit in Verbindung gebracht.

Cum autem pulchritudinis duo genera sint, quorum in altero venustas sit, in altero dignitas, venustatem muliebrem ducere debemus, dignitatem virilem. Ergo et a forma removeatur omnis viro non dignus ornatus, et huic simile vitium in gestu motuque caveatur.

Cic., off. 1, 130.

Aus wortbildungsmorphologischer Sicht sind die Verben evirare und effeminare auffällig. Beide bestehen aus vir/femina als denominalem Verbalkern mit dem Präfix ex-, doch ihre Bedeutung geht sozusagen jeweils in eine andere Richtung: evirare ‚entmannen‘ (quasi: vom Mann weg), effeminare ‚weibisch machen‘ (zur Frau hin).

Im Übrigen: Wussten Sie, dass die Römer dachten, die Bienenkönigin sei ein Bienenkönig? Wenn nicht, haben Sie Vergils Georgica noch nicht gelesen. Gut! Jetzt haben Sie einen schönen Plan für heute Abend. 😉



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Quellen

Verwendete Wörterbücher

Andere Quellen

  • Allen, Henry Ellis (Hg.) (1832): C. Sallusti Crispi de Catilinae conjuratione deque bello Jughurtino libri. London.
  • Bußmann, Hadumod (2008): Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart, s. v. Referenz.
  • Erasmus von Rotterdam (1511): De ratione studii ac legendi interpretandique auctores. In: Margolin, Jean-Claude (Hg.) (1971): Opera omnia, Vol. I.2. Amsterdam: 79–151.
  • Gunermann, Heinz (Hg.) (2019): Cicero, De officiis. Vom pflichtgemäßen Handel. Lateinisch / Deutsch. Stuttgart.
  • Mandruzzato, Enzo (Hg.) (1989): Orazio. Le lettere. Milano.

Silvia Ulivi

Humanistin mit einem unstillbaren Faible für Sprachsysteme, Literatur und Unterricht

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