In dieser Serie zeige ich Ihnen, was ich als studierte Latinistin nach wie vor unternehme, um mein Latein zu verbessern. Machen Sie doch mit! #discemecum

Fremdsprachliche Texte lesen, verstehen und in der Fremdsprache besprechen – aus den modernen Fremdsprachen kennen wir das durchaus und erscheint uns völlig selbstverständlich. Beim altsprachlichen Unterricht hört es jedoch bei vielen auf.

Meiner Erfahrung nach profitieren fortgeschrittene Lateinlerner sehr von einem natürlicheren Zugang zu den Texten, der nicht mittels einer Übersetzung erfolgt, sondern sich ausschließlich in der Fremdsprache bewegt.


In einem der letzten Treffen vom Circulus Minervae haben wir uns über römische Thermen unterhalten.

Römische Thermen waren ein Ort, an dem Menschen nicht nur gebadet haben, sondern auch allen möglichen anderen körperlichen und je nach Ausstattung geistigen Aktivitäten nachgegangen sind. Nie gefehlt haben badende und trainierende Menschen. Zum einen hat man sich in unterschiedlichen Räumen und Wannen aufgehalten, in denen unterschiedliche Temperatur herrschte: in der cella calidaria zum Schwitzen, der cella tepitaria mit lauwarmer Luft und der cella frigidaria mit kaltem Wasser. Mit Architektur und Wasser wussten die Römer bekanntermaßen umzugehen und die unterschiedliche Temperatur und Feuchtigkeit wurde dank einer raffinierten Bodenheizungsanlage (hypocaustum) erzielt. Wer ganz genau wissen möchte, wie römische Thermen gebaut waren, der lese Vitruv (De architectura 5,10). Da wird alles ganz genau beschrieben. Zum anderen waren die Thermen ein Ort, an dem man sich körperlich betätigt hat: Ringen, Ball spielen, Gewichte heben…

Wie in unseren Spa konnte man sich außerdem nicht nur im Wasser der Körperpflege widmen, sondern auch durch Massagen, Salben und, ja, sogar Enthaarungsservice.

Dass bei all den rumliegenden Klamotten und Wertsachen der eine oder andere klebrige Hände hatte, braucht uns auch nicht zu wundern.

Es war damals genau so wie heute: Wo sich Menschen zu Erholungszwecken sammeln, sammeln sich auch Fressbuden, bei denen Würstchen, Getränke und Gebäck verkauft werden. Natürlich gab es Marktschreier auch schon damals, denn jeder versucht ja, Kunden anzulocken.

Man stelle sich also eine ziemlich laute Angelegenheit vor. Und wenn der Nachbar einer solchen Anstalt ausgerechnet einer der bedeutendsten Philosophen der Weltgeschichte ist, kann es ja leicht passieren, dass er sich in seiner Arbeit gestört fühlt.

Unser Seneca klagt im ersten Teil der epistula moralis 56 sehr über den Lärm, den er aus einer solchen Nachbarschaft zu hören bekommt. Für einen Stoiker meckert Seneca zugegebenermaßern erstaunlich viel rum. 😅 ABER: Keiner schafft es wie Seneca – das muss man ihm lassen! –, alltägliche Dinge so zu beschreiben, dass wir uns auch 2000 Jahre später denken: „Jo, kenn‘ ich, genau so ist das!“

Lassen Sie uns Sen. ep. 56,1-2 zusammen lesen. Hier finden Sie den aufbereiteten Text mit einigen Anmerkungen und Hilfen.

🎥 Im folgenden Video lese und erkläre ich den Text auf Latein.

Wie geht es nun im Brief weiter?

Böse formuliert würde ich sagen: Der Stoiker, obwohl er sich so weit wie wir stinknormale Leute über laute Nachbarn, die ihn beim Arbeiten stören, beschwert hat, muss nun nach Mitteln und Wegen suchen, um sich als Philosoph zu beweisen, und gibt solche Sprüche zum Besten:

Magis mihi videtur vox avocare quam crepitus; illa enim animum adducit, hic tantum aures implet ac verberat.

Sen. ep. LVI,4

Er macht einen Unterschied zwischen dem Lärm, der nur die Ohren stört, und die Störungen, die den animus erreichen. Die Philosophie beweist sich hier als die Lösung, um gut zu leben und seine Aufgabe zu erfüllen, denn sie hilft wohl auch dabei, ungeachtet der externen Unruhe die innere Ruhe zu bewahren.

omnia licet foris resonent, dum intus nihil tumultus sit

Sen. ep. LVI,5

Andersherum: Wenn einem die innere Ruhe fehlt, erscheint das Äußere sowieso immer unruhig. Dem hilft nicht einmal die nächtliche Stille, denn

interdum quies inquieta est

Sen. ep. LVI,8

Wer ist besonders gefährdet, selbst in der Ruhe unruhig zu bleiben? Feldherren, deren Soldaten nicht gehorchen, verschwenderische Leute, geizige Leute.

Und nun?

‚Quid ergo? non aliquando commodius est et carere convicio?‘ Fateor; itaque ego ex hoc loco migrabo. Experiri et exercere me volui: quid necesse est diutius torqueri, cum tam facile remedium Ulixes sociis etiam adversus Sirenas invenerit. Vale.

Sen. ep. LVI,15

Er haut ab! 🤣 Was ich mich nicht kaputt gelacht habe! Es kochen echt alle nur mit Wasser.


Wenn Sie Themenwünsche für die Serie Disce mecum, lassen Sie es mir sehr gerne wissen!

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Ich wünsche Ihnen allen einen schönen zweiten Advent! 🕯🕯




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Silvia Ulivi

Humanistin mit einem unstillbaren Faible für Sprachsysteme, Literatur und Unterricht

2 Kommentare

Veronika · 11. Juli 2022 um 15:19

Egregius est! Te profecto intellegere possum. Tu linguam latinam bene loqui potes! Ego illam linguam etiam maxime dilligo. Utinam tam bene loqi possem! Magnam gratiam habeo!
S.v.b.e.e.v

    Silvia Ulivi · 11. Juli 2022 um 15:25

    Gratias tibi ago! Es nimis benigna, nam re vera ipsa adhuc in arte Latine loquendi progredi conor.

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